Erstkontakt aufnehmen
„Dalí Atomicus“ von Philippe Halsmann. Für dieses Bild benötigte der Fotograf 28 Versuche. Die ins Bild geworfenen Katzen seien angeblich die am wenigsten erschöpften Beteiligten gewesen.
Auch bei einer Fotolegende war nicht jeder Schuss automatisch ein Treffer. Der Meister Henri Cartier-Bresson berichtete selbst seufzend, wie er etwa nach einer Reise in die UdSSR vor mehr als 10.000 Bildern saß, um sie zu sichten, unzählige wanderten dabei in den Papierkorb. Jeder Fotograf würde gerne erfahren, welche von ihnen Gnade fanden, welche verworfen wurden und welche gerade einmal so durchgingen. Der großartige Bildband „Magnum Contact Sheets“ aus dem Verlag Schirmer/Mosel macht es möglich.
Als es noch keine Thumbnail-Vorschau gab, belichteten Fotografen den Inhalt eines Films kleinformatig auf eine Seite. Diese Kontaktbögen zeigen neben einem berühmten Bild seine verunglückten Vorläufer und späteren Versuche, die nicht mit rotem Stift umkringelt wurden. Für alle, die von den Legenden der Agentur „Magnum“ lernen wollen, bilden diese Kontaktbögen eine kostbare Fundgrube. An ihnen lässt sich ablesen, wie manche Bildfolgen spielerisch entstanden, andere gelangen erst nach einigen Mühen. Inmitten des Scheiterns aber ragt ein einmaliger Augenblick hervor. Das Buch bildet ihn großformatig ab, daneben überblickt man den Kontaktbogen inklusive Markierungen, Kritzeleien und Anmerkungen. Geschichten rund um die Entstehung des Fotos sowie Kommentare des Urhebers runden die Darstellung ab.
Herbert List schoss 1936 dieses Foto am Strand von Portofino. Allerdings überließ er die Kamera auch einem Freund für Schnappschüsse, wie der Kontaktbogen zeigt.
Am Tag nach dem Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking: Der Fotograf Stuart Franklin saß in seinem Hotel fest, von dm er nur eingeschränkte Sicht hatte. Doch war er zur rechten Zeit am rechten Ort.
Kirsten Lubben (Hrsg.): Magnum Contact Sheets, Schirmer/Mosel 2011, 508 Seiten, Hardcover, ISBN 978 3 8296 0550 2, Preis: 98 Euro
Vom Meister lernen
Der Fotograf Henri Cartier-Bresson fing seine Motive scheinbar ebenso mühelos wie perfekt ein. Neben seinen Werken sind auch manche seiner Zitate bekannter als die des Großen Vorsitzenden Mao. Der Mann ist schlicht DIE Fotografenlegende. Bis 13. Mai 2012 stellt das Kunstmuseum Wolfsburg unter dem Titel “Die Geometrie des Augenblicks” Landschaftsaufnahmen vor, die Cartier-Bresson selbst ausgewählt hatte. Wie aber schaffte er es, im Bruchteil einer Sekunde die Welt so vollkommen festzuhalten?
Vielfach herrscht der Irrglaube, nur mit einer entsprechenden Ausstattung würde auch große Kunst gelingen, etwa mit einem dicken Objektiv samt teurem Body. Zwar zog Cartier-Bresson nicht mit der schlichten Box-Kamera seiner Kindertage los, sondern immerhin mit einer Leica M. Doch bei Licht besehen war die resultierende Bildqualität gelegentlich lausig. Willy Ronis, ein Weggefährte von Cartier-Bresson, meinte einmal: Für ihn wäre es undenkbar gewesen, so unscharfe Bilder abzuliefern. Das war es sicherlich nicht, was Cartier-Bressons Erfolg ausmachte.
Einer seiner vielen Zitat lautet: „Für mich ist die Fotografie die Anerkennung eines Rhythmus von Flächen, Linien und Tonwerten“. Diese Schule des Sehens begann er als 18-jahriger, als er an der Akademie für Malerei die Kopien großer Meister geometrisch ausmessen musste. Von dieser scheinbar öden Lehrzeit sagte er später, der Gründer der Schule, Andre Lhote, habe ihm „das Lesen und Schreiben“ beigebracht. Wie frühe Fotografien aus den 1920er Jahren belegen, studierte Cartier-Bresson zudem eingehend Materialien, Umrisse und ungewöhnliche Perspektiven.
Die Kriegsgefangenschaft und Flucht in den Jahren 1940 bis 1943 bereicherten sein Werk um eine weitere Komponente: Cartier-Bresson will nicht nur gelungene Kompositionen gestalten, sondern auch über Menschen berichten. Über diese Entscheidung sagte er:„Vor dem Krieg habe ich rumgespielt, erst nach dem Krieg bin ich Reporter geworden.“.
Der amerikanische Schriftsteller Truman Capote schilderte einmal, wie er Cartier-Bresson auf „Menschenjagt“ erlebte: „Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich ihn bei der Arbeit in einer Straße von New Orleans beobachten konnte, er tanzte die Straße entlang wie eine aufgeschreckte Libelle, drei große Leicas schaukelten an ihren Riemen um seinen Hals, die vierte klebte am Auge.“ Ein weiteres Geheimnis seiner exquisiten Aufnahmen ernüchtert manche Anhänger seines Genielkults, wenn man es lüftet: Die legendären Fotos sind die Auslese von unzähligen misslungenen Werken. Beispielsweise war er 1954 für zehn Wochen in der Sowjetunion. In dieser Zeit schoss er 10.000 Bilder! Er konnte aber auch anders: Als er den Schriftsteller Ezra Pound porträtierte, kauerte er anderthalb Stunden in totalem Schweigen da. Beide sahen sich in die Augen, und es macht nur sechs mal Klick.

































